Peter Prange

Der Traumpalast

Grosses Kino

Die Roaring Twenties im Spiegel der Ufa-Traumfabrik

Die Ufa ist ein Mythos, Deutschlands Antwort auf Hollywood, die legendäre Traumfabrik, die im Berlin der zwanziger Jahre einen neuen Menschen hervorbringt: den Filmstar. Am Tag ihrer Gründung begegnen sich Tino und Rahel. Beginnt damit der Film ihres Lebens? Während Tino als Finanzdirektor den kometenhaften Aufstieg der Ufa vorantreibt, bietet sich Rahel – unabhängig von ihm – die unverhoffte Chance auf eine Karriere als Filmschauspielerin. Zusammen mit ihrem gemeinsamen Freund Erich Pommer, dem Produzenten von Filmen wie »Dr. Caligari«, »Metropolis« oder »Der Blaue Engel«, wirken sie mit an der Entwicklung der bedeutendsten Kunstform des zwanzigsten Jahrhunderts. Die »Flimmeritis« wird zur Droge für Millionen von Menschen, die täglich in die Kinos strömen. Für Rahel und Tino scheint nur noch der Himmel die Grenze zu sein. Aber in einer Welt, die geprägt ist von Umsturz und Inflation, müssen sie erfahren, dass das Leben kein Kinofilm ist und nicht nach vorgegebenen Regieanweisungen verläuft. Um einen gemeinsamen Weg in die Zukunft zu finden, müssen sie ihr eigenes Drehbuch schreiben ...

Rezensionen

Ich sehe in der Geschichte einen der wenigen deutschen Stoffe, die internationales Potenzial haben. Die Ufa der 20er Jahre ist ein weltweiter Mythos der Filmgeschichte und hat dem deutschen Film enorme Wertschätzung beschert, vor allem in Amerika. Und zugleich ist die Geschichte von der Entstehung der deutschen Traumfabrik ein Seelenspiegel der Weimarer Republik, vom Aufbruch zur Freiheit bis zu ihrem Untergang.
Benjamin Benedict, Geschäftsführer Ufa-fiction

Buchtrailer

Interview mit Peter Prange zu „Der Traumpalast – Im Bann der Bilder“

Alle Ihre Romane haben wichtige historische Ereignisse und Zeiten zum Thema. Woher kommt diese Leidenschaft für die Geschichte?

Sie wurde mir nicht in die Wiege gelegt, im Gegenteil, als Schüler war ich im Fach Geschichte allenfalls Durchschnitt – Geschichte allein um ihrer selbst willen hat mich nie interessiert. Meine Lehrer würden sich deshalb wohl im Grab umdrehen, wüssten sie, dass ich historische Romane schreibe. Tatsächlich habe ich die Leidenschaft für Geschichte erst durch das Schreiben selbst entwickelt.

Das müssen Sie erklären.

Eine der stärksten Antriebsfedern, sich Tag für Tag der Mühe des Schreibens zu unterziehen, ist eine gehörige Portion Ich-Besessenheit. Das ist für uns Autoren nicht besonders schmeichelhaft, aber ich fürchte, ohne diese Egomanie geht es nicht – Schreiben ist ja kein Zuckerlecken, sondern eine ziemlich anstrengende, oft qualvolle, manchmal sogar verzweifelte Tätigkeit, die sonst kein Mensch auf sich nehmen würde. In meinem Fall ist meine Motivation die Hoffnung, durch das Schreiben Antwort auf eine sehr einfache, aber gerade darum sehr grundlegende Frage zu finden: Wie wurde ich der, der ich bin?

Und haben Sie die Antwort gefunden?

Natürlich nicht, da müsste ich ja ein ziemlicher Einfaltspinsel sein, nach gerade mal zwanzig Büchern (lacht). Aber immerhin komme ich mir immer mehr auf die Spur, indem ich mit meinen Romanen versuche, die Denkweisen und Werte, die mich geprägt haben und weiterhin prägen, in ihrer Entwicklung zurückzuverfolgen. Bei diesem Graben nach meinen geistigen und emotionalen Wurzeln bin ich immer tiefer hinein in die europäische Geschichte der letzten tausend Jahre gelangt, vor allem aber in die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, deren Kind ich ja bin. So entstand die Idee, ein Panorama dieses Jahrhunderts zu schreiben. Es begann mit meinem ersten Roman, „Das-Bernstein-Amulett“, und findet nun nach „Unsere wunderbaren Jahre“ und „Eine Familie in Deutschland“ mit dem „Traumpalast“ seine Fortsetzung

„Der Traumpalast – Im Bann der Bilder“ spielt in den 20er Jahren. Warum diese Zeit?

In „Eine Familie in Deutschland“ habe ich versucht, ein möglichst lebensnahes Bild der Nazizeit vom ersten bis zum letzten Tag zu zeichnen. Wie haben ganz normale Menschen die deutschen Jahrhunderttragödie erlebt? Im „Traumpalast“ spüre ich der Frage nach, wie es möglich war, dass Hitler 1933 überhaupt an die Macht gelangen konnte, in einer Kulturnation wie Deutschland, und das ganze Volk, mit Kant und Goethe im geistigen Gepäck, ihm und seiner barbarischen Ideologie mit zunehmender Begeisterung folgte. Die Suche nach einer Antwort führte mich in die Zeit der Weimarer Republik, genauer: nach Berlin, der aufregendsten Metropole der damaligen Zeit in ganz Europa.

Was macht für uns die 20er Jahre in Berlin so besonders interessant?

Die 20er Jahre waren eine unglaublich faszinierende Zeit des Aufbruchs. Mit dem Ende des Kaiserreichs brach sich ein vollkommen neues, jahrhundertelang unterdrücktes Lebensgefühl Bahn: Freiheit! Freiheit in Politik und Gesellschaft, Freiheit in Kunst und Musik – und nicht zuletzt Freiheit in der Liebe, in der die Menschen fast alle zuvor geltenden Tabus brachen. Und der Ort, an dem diese neu gewonnenen Freiheiten am intensivsten und radikalsten ausprobiert wurden, war Berlin. Eine Stadt im Freiheitsrausch.

Dieser Rausch war aber nur von kurzer Dauer.

Richtig. Und das macht diese Zeit so spannend. Die Menschen damals waren im Gebrauch der Freiheit ja vollkommen ungeübt. Sobald die politische oder wirtschaftliche Lage problematisch wurde – und das wurde sie andauernd, das Jahrzehnt war geprägt von Revolution und Straßenkämpfen, von Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise –, bekamen viele Menschen Angst vor der eigenen Courage. Dann sehnten sie sich nach alten Autoritäten zurück, oder, schlimmer noch, sie sehnten neue Autoritäten herbei. Das war Hitlers große Chance.

Ihr Buch spielt ziemlich genau vor 100 Jahren. Es gibt viele Parallelen zu heutigen Ereignissen wie eine Pandemie, die plötzliche Veränderung des bisher gewohnten Lebens, sowie die „Verführung von politischen Rattenfängern“. Was können wir heute von damals lernen?

Erich Kästner hat sinngemäß einmal gesagt: „Hitler konnte man 1933 nicht mehr verhindern, das hätte schon in den 20er Jahren geschehen müssen.“ Insofern gibt es durchaus Parallelen – nicht nur wegen der „Spanischen Grippe“, der Corona-Epidemie der damaligen Zeit. Auch heute leben wir in einer Epoche schwindender Sicherheiten, alles ändert sich immer schneller, und wie damals treten Politiker auf den Plan, die uns weismachen wollen, es gebe einfache Lösungen für hochkomplexe Probleme. Solchen Rattenfängern zu folgen war der Sündenfall der Weimarer Republik. Hitler hat ja nicht die Macht „ergriffen“, wie er selbst später behauptete, er wurde in freien Wahlen gewählt – die sogenannte „Machtergreifung“ war in Wahrheit eine kollektive Selbstentmündigung des deutschen Volkes. Daran sollten wir alle denken, wenn wir uns bei anstehenden Wahlen überlegen, welcher Partei wir unsere Stimme geben.

Haben sie eine Lieblingsfigur im Roman?

Eigentlich mag ich alle meine Figuren, auch die unsympathischen, sie sind ja schließlich auch meine Kinder. Doch wen ich von ihnen am liebsten mag, möchte ich nicht verraten. Ich schreibe ja bereits am zweiten Band, und wenn ich hier einen Liebling aus meiner Kinderschar herausstelle, fühlen seine Geschwister sich zurückgesetzt und werden es mir beim Schreiben heimzahlen, indem sie sich untereinander verschwören und sich gegen mich und meine Pläne stellen. So etwas führt nur zu Schreibblockaden.

Rahel ist eine für diese Zeit ungewöhnlich emanzipierte Frau. Was mögen Sie an dieser Figur?

Dass sie gar nicht so stark ist, wie sie sich selbst und anderen gegenüber tut. Ja, sie ist bereit, für ihre Ziele zu kämpfen, riskiert dafür oft Kopf und Kragen. Doch dann wachsen ihr plötzlich die Dinge über den Kopf und sie nimmt Zuflucht bei den Weisheiten ihrer Großmutter oder ruft das Schicksal in Form von Gottesurteilen an. Weil die Freiheit, über sich und sein Leben zu bestimmen, ja einerseits etwas ganz Wunderbares und Erstrebenswertes ist, doch uns andererseits auch oft bis an die Grenzen fordert und manchmal eben auch überfordert.

Wie viel Peter Prange steckt in dem Lebemann Tino Reichenbach?

Um ehrlich zu sein: mehr als mir lieb ist, vor allem zu Beginn des Romans. Weshalb ich natürlich hoffe, dass ich auch mal so über mich selbst hinauswachse, wie es Tino im Verlauf der Geschichte gelingt.

Wie gelingt es ihnen, Ihre fiktiven Figuren in einen historischen Kontext zu setzen, in dem sie mit realen Personen dieser Zeit agieren?

Indem ich mich frage, wie ich mich in der Zeit verhalten hätte, über die ich schreibe. Was hätte ich gefühlt, gedacht, getan? So komme ich ganz von allein ins Gespräch mit den historischen Figuren. Solche fiktiven Gespräche habe ich übrigens schon lange Zeit, bevor ich Autor wurde, geführt – nämlich als Leser. Ich erinnere mich noch bestens an meine Lektüre des „Zauberbergs“ in meiner Jugend. Ich war von den Disputen zwischen den Herren Naphta und Settembrini so fasziniert, dass ich mit beiden stundenlange Gespräche über alle Themen führte, die mich damals beschäftigten, oft mit erstaunlichen Antworten, die vielleicht sogar Thomas Mann, den Schöpfer der beiden, verblüfft hätten und die mir in meinem wirklichen Leben auf jeden Fall oft weiter geholfen haben.

Was bedeutet Kino für Sie?

Das Erlebnis völliger Selbstvergessenheit: Es wird dunkel im Saal, der Vorhang geht auf, und mit einem Mal bin ich in einer ganz und gar anderen Welt. Und gleichzeitig doch ganz und gar bei mir.

Wären sie, wie viele in den zwanziger Jahren, der „Flimmeritis“ verfallen?

Und ob! Was damals geschah, war je etwas vollkommen Einmaliges. Eine neue Kunstform entstand, innerhalb von nur wenigen Jahren, und damit zugleich eine bis dahin nie geahnte Möglichkeit, in fremde Wirklichkeiten einzutauchen. Das ist nur vergleichbar mit dem Wunder des Lesens, das wir alle in der Kindheit erfahren haben – wenn aus Buchstaben plötzlich Welten entstehen.

Mehrere Werke von ihnen wurden bereits sehr erfolgreich verfilmt. Wie fühlt es sich an, ihre Figuren auf der Leinwand zu sehen?

Faszinierend und befremdlich zugleich. Weil die Figuren, die in meinem Kopf entstanden sind, sich in dem neuen Medium ja in gewisser Weise selbstständig machen und ein zweites Leben annehmen. Ein manchmal beglückender, manchmal aber natürlich auch schmerzlicher Kontrollverlust.

Wird es auch eine Verfilmung des Traumpalastes geben?

Eine nicht ganz unbekannte Film- und Fernsehfabrik, die es auch schon in den 20er Jahren gab, interessiert sich tatsächlich für den Stoff. Ob je etwas daraus wird, steht natürlich noch in den Sternen.

Schreiben Sie daheim oder sind Sie ein „Method Writer“, der in diesem Fall in Berlin oder in Babelsberg war, nicht nur um zu recherchieren, sondern auch, um dort zu schreiben?

Nein. Anregungen hole ich mir gern auswärts. Aber geschrieben wird zu Hause. Am liebsten bei Regenwetter. Dann verschwindet die Außenwelt in einem unaufdringlichen Grau-in-Grau, und ich kann ohne Störungen durch sonnengrelle Bilder abtauchen in meine Innenwelt, sprich: in die Wirklichkeit, in der meine Geschichte spielt.

Wie lange haben Sie an dem Traumpalast gearbeitet?

Anderthalb Jahre, sieben Tage die Woche, meist rund um die Uhr. Zwei Wochen Urlaub im Jahr.

Wir lernen in „Der Traumpalast“ die Eltern von Alex aus „Das Bernsteinamulett“ kennen. An einer anderen Stelle wird Tino die Fabrik der Familie Wolf in Altena angeboten. Ist das ein Augenzwinkern von ihnen für Ihre treue Leserschaft? Oder planen Sie ein großes Peter Prange-Universum, in dem irgendwann alle Werke miteinander verwoben sind?

Als ich mich mit den 20er Jahren zu beschäftigen begann, fiel mir das Elternpaar des Bräutigams aus dem „Bernstein-Amulett“ ein: eine ehemalige Ufa-Schauspielerin, die bei der Hochzeitsfeier im Rollstuhl sitzt, und an ihrer Seite ein gebrochener Mann, der früher mal ein einflussreicher Finanzier war. Deren Geschichte wollte ich erkunden, wie die beiden in den 20er Jahren zusammenkamen und sich ineinander verliebten. Es war wie eine Eingebung. Ab dem Augenblick wusste ich: Die zwei würden das zentrale Liebespaar in meinem Roman sein. So oder ähnlich geht es fast immer, wenn Figuren aus einem früheren Roman in eine andere Geschichte hineinfinden. Es geschieht ganz von allein. Das Geflecht, das dadurch entsteht, ist trotzdem nicht zufällig. Weil eben die Fragen, die mich zu meinen Büchern antreiben, in einem inneren Zusammenhang stehen, wenn oft auch „subkutan“, ohne mein eigenes bewusstes Zutun.

Wenn Sie in einer anderen Zeit Epoche leben könnten, welche würden Sie wählen und warum?

Auf die Gefahr hin, Sie zu enttäuschen: Hier und jetzt, mitten in Europa, zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Welt entwickelt sich gerade mit einer solchen Rasanz, dass ich mir im großen Koordinatensystem von Raum und Zeit keine spannendere Epoche vorstellen kann – voller Bedrohungen und Gefahren, gewiss, aber zugleich auch voller Chancen und Aussichten, die in meiner Jugend noch nicht mal Phantastereien waren.

Was erwartet uns in Teil 2 vom Traumpalast?

Alle Liebesgeschichten, ob im Film oder im Roman, verfolgen stets eine von zwei Fragen: Entweder: Kriegen sich die beiden? Oder: Bleiben sie zusammen? Wer den ersten Band gelesen hat, wird wissen, welche der beiden Fragen im Zentrum des zweiten Bandes steht.